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faule ARBEIT I-III 2006-08
Ein immaterieller Gedankenraum

Berlin Deutschland | 2009 © | Plakat 42 x 60 cm | Auflage 500 Stk.
Faule Arbeit ist die Arbeit der Zukunft, die vom Kapitalerwerb entkoppelt ist und auf dem freien Selbstbestimmungsrecht beruht. Eine tägliche Emanzipation ist Vorraussetzung für eine wirklich gewollte Tätigkeit.
Faule Arbeit ist kein konkretes Produkt, Kunstwerk oder Objekt sondern eine Vision, die ich während meines Diplomsemester entwickelt habe. Sie bezieht sich auf einen Freiraum, als Arbeit zur Weiterentwicklung der Menschlichkeit.
Sie ist eine Ideologie die auf den Theorien von Fridhjof Bergmann und Götz Werner beruhen. Die Vision von Bergmann teilt die Arbeitzeit in drei Teile: Herkömmliche Erwerbsarbeit, Arbeit für die Gesellschaft und selbstgewählte Arbeit. Werners Vision sichert jedem Bundesbürger das Überleben durch ein Bürgergeld, so dass nur noch selbstgewollte Tätigkeiten ausgeführt werden.
Aus Gründen der produktiven Faulheit haben die Menschen angefangen, Ideen zu entwickeln, um Zeit, Mühen und Aufwand einsparen zu können. Aus der Faulheit heraus domestizierte er wilde Tiere und entwickelte Computer, um Rechenaufgaben zu lösen. Die heutige Erwerbsarbeitslosigkeit ist so der Erfolg der Faulheit. Die Faulheit ist somit ein Motor für neue Ideen zur Steigerung der Lebensqualität.
Das Faulsein, die Erholung, das Nichts tun. Der etymologische Ursprung des Wortes ‘Faulheit’ geht auf das Verderben von Obst, Gemüse und Fleisch zurück und bezeichnet eine Überreife. Das G6auml;ren von Hopfen und Malz erzeugt Bier. So verstehe ich das Faulsein, als Prozess des Gärens, in dem ein Zustand neu definiert wird. Die alten Griechen haben diesen Zustand Muße genannt.
In meiner Diplomprüfung fand der erste Teil statt und zeigte eine absurde Maschine, die Kissen mit dem Wort ARBEIT bedruckt - Der Arbeitsplatz.
Cornelia Gellrich schrieb am 7. Februar 2007 in der Berliner Zeitung über Schnarchkunst:
»Faul in den Kissen rumlümmeln und vor sich hinsinnieren - das war doch schon immer Ziel menschlicher Bemühungen. Dafür wurden Maschinen erfunden und Computer, wurden Tiere domestiziert und andere Menschen. Die Arbeit der Pechvügel dient der Muße der Glückspilze. Letztere müssen sich beispielsweise ihr Essen nicht selbst kaufen und kochen, wenn erstere als Köche und Kellner tätig sind.
Wer klug ist, versucht, aus der eigenen Arbeit einen möglichst großen Mehrwert zu ziehen, der aussieht wie Geld, sich aber bei genauerem Hinsehen als Müßiggang entpuppt. Je mehr verdient wird, desto mehr Hausangestellte sind drin, und im Urlaub kann der Campingplatz dem Hotel weichen.
Patrick Timm beispielsweise, Bildhauer-Diplomand der Kunsthochschule Berlin-Weißensee, hat mit einigem kreativen Kraftaufwand eine Maschine entwickelt, die ihm und überhaupt der ganzen Welt das Leben in Zukunft sehr viel einfacher machen wird: Es handelt sich um ein ziemlich großes, relativ kompliziert wirkendes Ungetüm. Die Einzelteile der etwa zwei Meter hohen und drei Meter breiten Maschine könnten auf dem Sperrmüll zusammengesucht worden sein. Oben drauf steht ein Rollstuhl, davor mit Drähten versehene Schuhwracks und Krücken.
Eine künstlerische Hilfskraft füttert die Maschine mit Kissen, die sie vorne auf eine Art Förderband aus Stoff wirft, während der Künstler selbst mit Hilfe des Rollstuhls, der Schuhe und kniffliger motorischer Tätigkeit von Armen, Hünden, Füßen, Beinen, das Kissen aufhält, eine Schablone draufdrückt, Sprühdosen in Gang setzt, das Kissen wieder frei lässt, es mit Föns und Ventilatoren bebläst und anschließend hinten aus der Maschine plumpsen lässt. Das Ergebnis dieses etwas aufwändigen Arbeitsprozesses ist also ein weicher Haufen weißer Kissen, die der blaue Schriftzug Arbeit ziert.
Diese hübsche Erfindung heißt "Faule Arbeit". Es gibt nämlich die unterschiedlichsten Arten von Arbeit: Da wäre erst einmal die Erwerbsarbeit, die heute oftmals für die einzig wahre gehalten wird, obwohl sie in der griechischen Antike nichts weiter war als das traurige Los der unteren Schichten. Dann gibt es die Hausarbeit, die weder Geld kostet noch einbringt, es sei denn, sie wird zur Erwerbstätigkeit für Dritte umgemünzt. Die künstlerische Betätigung, das kreativ und erfinderisch sein ist auch eine Form von Arbeit - die sich leider nur unerfreulich selten zur Erwerbsarbeit mausert.
Die Ideenfindung nennt Timm also faule Arbeit. Für ihn bilden diese beiden Begriffe keinen Gegensatz. Denn der Apfel, der fault, entwickelt sich ja durchaus - er entfernt sich nur von seiner Nutzbarkeit, und der Prozess, der zu seiner Veränderung führt, ist äußerlich nicht sichtbar. So wie man Patrick Timms Kopf, der faul in den Kissen liegt, seine Konzipierung des nächsten Projektes nicht ansieht.
Also ist jedes dieser Kissen ein vom Künstler geschaffener Arbeitsplatz. Und den kann man für fünf Euro kaufen.
Das Problematische an der kreativen Faularbeit ist nur, dass nie alle ihr nachgehen können. Während Patrick Timm gemütlich in seinen Kissen vor sich hinbrütet, müssen zwei andere die Maschine zur Kissenproduktion betätigen. Die geistige Arbeit der einen wird ermöglicht durch die körperliche Schinderei der anderen. Deswegen der Rollstuhl mitsamt Krücken.
Und was macht man da jetzt? Am besten trotzdem faul sein, sich möglichst nicht rühren, weil dabei ja vielleicht weitere Möglichkeiten zur Umgehung von menschlicher Arbeit entstehen könnten.
Ursprünglich wollte Patrick Timm seine Maschine nicht im Foyer der Kunsthochschule Weißensee präsentieren, sondern in der Agentur für Arbeit Berlin Mitte. Diplomwerke junger Künstlern auszustellen, stieß dort auf Begeisterung, diese besondere Diplomarbeit allerdings nicht. Sie müssten ihm leider absagen, wurde Timm beschieden, wegen des ohnehin schon schlechten Images ihrer Agentur.
Irgendwie ist das ja verständlich - ginge die Apparatur mit Namen "Faule Arbeit" in der Agentur für Arbeit ihrer Arbeit-Kissen-Produktion nach, könnten doch manche daraus den völlig irrwitzigen Schluss ziehen, die Angestellten der Agentur würden - statt Anträge zu bearbeiten - faul in den Kissen lümmeln.«
Der zweite Teil, der faulen ARBEIT, präsentierte sich auf der Diplomausstellung der Malerei und Bildhauerei der Kunsthochschule Berlin Weißensee. Ich schlüpfe in die Rolle eines Vertreters und versuche die Besucher von den Arbeitsplatz zu überzeugen. Die Besucher finden sich in einer zweiteiligen Installation wieder, die im hinterem Raum aus einem Berg von Arbeitsplätzen besteht und im Vorderen aus einen großen mechanischen Hammer. Beide Teile können durch die Gäste bedient werden.
Der dritte Teil fand am 1. Mai 2008 im Berliner Stadtraum statt. Ich ziehe an diesem Tag der Arbeit mit meinem voll mit Arbeitsplätzen bepackten Bollerwagen durch die Stadt und frage Passanten auf der Straße, ob ich ihnen einen Arbeitsplatz schenken darf.
Arbeitsplätze zu verschenken | Berlin Deutschland | 1. Mai 2008 © | Video 3:09 min

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